SCHWARZKOPF

derfilm

Als der 25-jährige Rapper Ardalan A. alias NAZAR aus vierwöchiger Untersuchungshaft entlassen wird, steht er nicht nur vor finanziellen Schwierigkeiten. Der Österreicher mit Migrationshintergrund wird beschuldigt, einen Raubüberfall begangen zu haben.
Seine Freunde Vahid und Musti stehen auf seiner Seite, doch sie haben beide sehr ähnliche Probleme. Ohne Ausbildung und Job macht Ardalan das einzige, was er wirklich kann – das Rappen – zum Beruf und fährt auf eigene Faust nach Berlin, um dort sein zweites Hip-Hop-Album aufzunehmen.

Obwohl der Schwarzkopf – wie er und seine Freunde sich gegenseitig nennen – beteuert, mit seiner Vergangenheit auf der Straße abschließen zu wollen, scheint sie zu sehr mit seiner Gegenwart und seinen Fans verwoben zu sein. Eine Parallelgesellschaft, gefangen in einem Teufelskreis aus dem es selten ein Entkommen gibt. Ein Film über eine neue Generation und ihre Sehnsucht nach Identität.


Thomas Edlinger (FM4) zu Schwarzkopf

Hart sein. Stark sein. Kein Opfer sein. In dem auf YouTube schon knapp 1,5 Millionen Mal angeklickten Video „Präsidentenwahl“ sieht man nicht nur die auf street credibility abzielenden Gangsterrap-typischen martialischen Gesten, die das Image des sich durchs Leben boxenden street fighters befördern. Zu schweren Beats und pathetischen Chören, visuell unterstützt von jeder Menge mitwippender junger Männer, reimt ein zorniger junger Mann unter anderem: „Es tut mir leid, Mama, ich werde mich nicht ändern. Bleibe Straße und feiere weiter den 11. September“. Auf diese Zeile angesprochen, wird der iranischstämmige und in Favoriten aufgewachsene Nazar im Lauf von „Schwarzkopf“ noch zurückkommen – und sie als genreimmanente Provokation relativieren. Das Skandalpotential dieser (natürlich aus dem Flow teils großmäuliger Selbstermächtigungsaufforderungen gerissenen) Äußerung blieb aber am Höhepunkt des Wiener Wahlkampfs 2010 sowohl den Boulevardmedien wie auch der FPÖ nicht verborgen. Und so musste ein Vorstadt-(oder vielleicht schon Ghetto?) Rapvideo in der Puls 4 - Diskussionssendung „Talk of Town“ als Beleg für die Existenz islamistischer Umtriebe mit terroristischen Neigungen in Wien dienen.

Arman T. Riahi kontrastiert einige Dokumente dieses medienwirksamen Tabubruchs in Form von Zeitungs- und TV-Ausschnitten mit Aufnahmen von Nazar zu einem rasant geschnittenen Auftaktswirbel. Nach dieser Exposition dann ein ruhiges Bild. Atempause. Leise rieselt der Schnee, und zwar vor dem Tor eines Gefängnisses. Die eigentliche Geschichte beginnt (in diesem Moment also durchaus noch im Erwartungshorizont massenmedialer Stereotypien verortbar) mit einer Verknüpfung von aggressivem Rap und den Folgen jugendlicher Delinquenz, die in Nazars Fall zur Untersuchungshaft aufgrund einer - später fallen gelassenen - Anklage wegen bewaffneten Raubüberfall gipfelten.

Doch der Weg des 1984 geborenen Nazars führt nicht hinein in den Knast, sondern hinaus; so wie „Schwarzkopf“ aus der klischeehaft engen Vorstellung eines Rappers hinausführt zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Leben heutiger post-migrantischer Kids und junger Erwachsener, die einander allesamt gern mit dem sprachspielerischen, subversiven Rassismuszitat der Rassismusopfer als „Schwarzkopf“ bezeichnen. Zunächst bleibt die Kamera sehr nahe bei seinem Hauptprotagonisten und seinem engen Umfeld. Riahi verfolgt mit beachtlichem inszenatorischen Aufwand Nazar nicht nur im Alltag, sondern rekonstruiert auch signifikante Szenen seines Lebens. Rap, das zeigt „Schwarzkopf“ eindrucksvoll, ist Performance und Lebenseinstellung, Pose und Authentizitätsversprechen zugleich. Um das zu veranschaulichen, erscheint Riahi, der Nazar noch aus gemeinsamen Zeiten auf den Straßen Favoritens kennt, Nazar als audiovisueller Komplize, der es trotzdem schafft, hinter die Fassade dieser ausgestellten realness zu blicken: „Die Straße ist ein Arschloch mit zwei Ohren.“ Die Vertrauensbasis in dieser Subkultur, in der Werte wie Respekt, Würde und Stolz als zentral gelten, muss freilich hart erarbeitet werden - und manchmal, etwa im Moment eines Wutausbruchs Nazars, der einfach „keinen Bock“ mehr hat auf seine selbstdarstellende Rolle hat und den ins Bild kommende Regisseur auch damit konfrontiert, droht sie auch verloren zu gehen.

„Schwarzkopf“ zeigt Nazar in verwehten Archivaufnahmen als Kind, als liebevollen großen Bruder, als herumlümmelnden Videogamer, als Sohn, der mit seiner im Film nicht zu sehenden, um seine Zukunft besorgten Mutter telefoniert, und nicht zuletzt als eindrucksvollen Rapper, dessen Rhymes sein (zumindest im Film nahezu ausschließlich männliches) Publikum mit gereckten Fäusten und konzentrierter Mimik nachbetet. Seine Erinnerungen heben an mit einer Selbstwahrnehmung als Außenseiter mit Migrationshintergrund in einem Gemeindebau, dessen street life damals noch von Skinheads und alteingesessenen österreichischen Jugendlichen beherrscht wurde. Hier wurde und fühle man sich schnell als Opfer, und weil das niemand bleiben will, sucht man nach anderen, denen es ähnlich ergeht und schließt sich zusammen. Im Film sind das vor allem seine heutigen Mittzwanziger-Freunde Vahid Bubalo, ein Wiener mit bosnischen Wurzeln, der in einer Fahrschule arbeitet, und Musti D., ein Wiener mit türkischem Hintergrund, der momentan mal dies, mal das macht. In ihren aufgeräumten, gutbürgerlich wirkenden Wohnzimmer hängen heute an weißen Wänden gerahmt Poster von „The Godfather und „The Warriors“. „Es geht darum, mehr zu haben. Alles andere ist Schwachsinn“, sagt Nazar einmal.

Diesen ostentativen Aufstiegswillen kontrastiert „Schwarzkopf“ mit Ausweisen realer Perspektivenlosigkeit. „Man hat einfach zuviel Zeit“, und deshalb pendelt man zwischen Play Station und Wettcafe. In einer Montage sieht man die Wahlplakate in Wien 2010 vorbeirauschen, doch das alles erscheint weit weg, nur der Off-Ton erzählt vom „Scheiß-AMS“. Auch die Väter sind im Lebensumfeld der „Schwarzköpfe“ auffällig abwesend. Die Mütter sind, trotz aller familiären Konflikte, die verehrten Liebesobjekte, während sonstige Frauen oder Mädchen im Film, entgegen der landläufigen Klischees über den misogynen Gangsterrap, weder als bitches noch als Objekt der Begierde oder auch (als im Film ohnehin nicht vorkommende) Freundinnen oder Frauen zumindest in den Interviews eine Rolle spielen.

Diese Konstellation scheint sich auch in der kursorisch vorgestellten nächsten Generation von pubertierenden Nachwuchsrappern zu wiederholen. Sie treffen sich in einem Sportkäfig am Wiener Gürtel, der ausgerechnet die Aufschrift „Freedom“ trägt. Sie treten als „Donaustadt G’s“ (Gangsters) im Hof des Gemeindebau oder, wenn die Mutter nichts dagegen hat und den Auftritt eines Jungen verhindert, am Multikulti-Nachmittag im Rathaus auf. Doch während Nazar bei umjubelten Gigs und der Produktion seines Albums „Artkore“ mit RAF Camora in Berlin (und den sich hinzugesellenden Zweifeln an der Sinnhaftigkeit seiner Musikkarriere) beobachtet wird, ist die nächste Generation noch nicht ganz so weit: „Ich wollte meinen Bruder verprügeln, aber leider hat er mich verprügelt.“