SCHWARZKOPF

derregisseur

Interviewer: Was hat dich dazu bewogen dieses Thema für deinen ersten film auszusuchen?

Arman T. Rihai: Für mich war es naheliegend, mich bei meinem ersten Film für ein Thema zu entscheiden, mit dem ich mich identifzieren kann. Ich habe zwar nicht die gleiche Kindheit und Jugend gehabt wie Nazar und die Protagonisten meines Filmes, aber manchmal eine sehr ähnliche. Ich habe selbst als Jugendlicher viel Zeit in den Parks und mit meinen Freunden verbracht und kenne das Lebensgefühl der Protagonisten des Filmes sehr gut. Daraus resultiert natürlich eine gewisse Empathie, die ihrerseits wiederum dazu geführt hat, dass ich mich dafür entschieden habe, diesen Film zu machen. Es war jedoch nicht von langer Hand geplant, diesen Stoff in meinem ersten Film zu verarbeiten. Vielmehr hat es sich ergeben.

Interviewer: Wie hast du dich auf die unterschiedlichen Themen des Filmes vorbereitet? Wie ist die Recherchephase abgelaufen?

Arman T. Rihai: Ich habe mich intensiv mit dem Leben der Protagonisten auseinandergesetzt, habe viel mit Nazar und den anderen Protagonisten des Filmes, mit Vahid und Musti gesprochen. Wir haben viel über ihre und unsere Jugend gesprochen und welchen Dinge im Film unbedingt – unabhängig von der Form – vorkommen sollten. Ich habe einige Monate am Drehbuch gearbeitet und es immer wieder überarbeitet. Natürlich habe ich es den Protagonisten auch zum Lesen gegeben, ich hatte von Beginn an eine Struktur für den Film in Planung und wollte diese auch in der Umsetzung zum Leben erwecken. Nach einigen Monaten Recherche, Drebuchschreiben und Einreichen war der Film dann doch relativ rasch finanziert. Während der Zeit habe ich mich natürlich weiter mit dem Leben meiner Protagonisten auseinandergesetzt, vor allem mit dem von Nazar, und so war es auch nur eine Frage der Zeit, bis ich auf seine Fans gestoßen bin bzw. die Tür zur migrantischen Rapszene Wiens aufgestoßen war. Doch Rap ist in der Recherchephase sowie im endgültigen Film immer ein Vehikel gewesen, eine Ausdrucksform, ein Ventil, um das ausdrücken zu können, was nicht kommunizierbar ist im Alltag, in der Schule oder mit den Eltern. Das grundlegende Thema des Filmes ist jedoch die Orientierungslosigkeit von Jugendlichen, die keine funktionierenden familiären Strukturen haben, sowie die möglichen Konsequenzen dieser Planlosigkeit, sowohl positiv – der Rap, die künstlerische Ausdrucksform – als auch negativ – die Kriminialität.

Interviewer: Wie bist du auf Nazar gekommen?

Arman T. Rihai: Wir beide kennen uns seit unserer Jugend. Wir waren zwar keine Freunde, aber haben einen Teil unserer Jugend im gleichen Viertel in Favoriten verbracht, und haben ums Eck voneinander gewohnt. Hin und wieder sind wir uns dort über den Weg gelaufen und da wir auch beide iranischer Abstammung sind, haben wir natürlich sofort eine Gemeinsamkeit gefunden. Nach dem ich die Schule beendet habe, bin ich jedoch zurückgezogen nach Rudolfsheim-Fünfhaus, wo ich bereits den Großteil meiner Kindheit verbracht habe. Dann sind wir uns weniger begegnet. Ich habe Nazar schließlich nach einigen Jahren dann wieder 2007 im Burggarten getroffen, wo er mir von seinen Plänen, sein erstes Rap-Album aufzunehmen, erzählt hat. Ein Jahr später habe ich seine erste Single auf youtube gehört und ihm schließlich vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über ihn und sein Milieu drehen. Das hat natürlich sein Interesse geweckt.

Interviewer: Warum hast du keinen Film gemacht indem es nur um Nazar geht?

Arman T. Rihai: Der Film handelt nicht ausschließlich von ihm. Es war mir von Beginn an sehr wichtig, eine gesellschaftliche Entwicklung zu zeigen und ein Milieu zu studieren, statt einfach nur ein Einzelschicksal herauszuheben. Keine zwei Leben von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen in Wien sind gleich, aber sie sind vergleichbar. Und tut man das mit dem Leben von Kindern und Jugendlichen dieses Milieus in Wien, und wahrscheinlich in ganz Europa, dann lassen sich gewisse Tendenzen erkennen. Der Film sollte jedoch nicht tendenziös sein, sondern Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede im Leben zweier aufeinanderfolgender Generationen von Österreichern mit Migrationshintergrund skizzieren. Daher habe ich stets versucht Schuldzuweisungen zu vermieden und mich auf das Leben unterschiedlicher Jugendlicher mit zweiter Kultur zu konzentrieren, um das zu zeigen, was sie interessiert und sie beschäftigt. Ich wollte den Jugendlichen mit diesem Film von Anfang an eine Plattform geben.

Interviewer: Was ist der Unterschied zwischen Nazar und den Jugendlichen Fans von Ihm die eine neue, in Österreich geborene Generation von Migranten darstellen?

Arman T. Rihai: Es gibt viele Unterschiede, aber auch sehr viele Gemeinsamkeiten. Gemeinsam haben sie vor allem dasselbe Milieu, ähnliche familiäre Strukturen und ihren sozioökonomischen Status. Gemeinsam haben sie auch, dass sie sich hier in Österreich nicht wirklich „daheim“ fühlen. Die heutigen Jugendlichen und Kinder haben es wohl auch etwas leichter als früher, da sie institutionell mehr Möglichkeiten haben als beispielsweise Nazar oder Musti. Aber das darf nicht überschätzt werden, denn Sozialarbeiter hat es damals auch gegeben. Heutige Kids sind noch viel mehr als wir den medialen Rollenbildern und dem Konsumzwang ausgesetzt. Wir hatten früher nur MTV und VIVA, die Kids heute haben das Internet, youtube, usw. Aber es kommt auf die funktionierenden menschlichen Beziehungen der Kids an. Fehlen diese, ist der Sprung auf die schiefe Bahn nur eine Frage der Zeit.

Interviewer: Was waren die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?

Arman T. Rihai: Neben den jeweiligen Befindlichkeiten der Protagonisten des Filmes, die ja von Beginn an nicht immer begeistert waren über die Idee, das ein Dokumentarfilm über ihr Leben gemacht wird, waren es vor allem die Aufrechterhaltung des eigenen Images im Fall von Nazar, als auch die Unvorsehbarkeiten im Leben und im Lebensstil der Jugendlichen, die uns beim Drehen dieses Filmes die größten Schwierigkeiten bereitet haben. Wir mussten dabei einerseits den Spagat schaffen, die erwachsenen Protagonisten bei Laune zu halten, und immer wieder zu begeistern für simple Drehs und Motive, die in ihren Augen keinen Sinn gemacht haben, wie zum Beispiel ein Dreh in ihren Wohnungen; und natürlich bei den Jugendlichen dranbleiben, Kontakt halten, ihr Interesse aufrechtzuerhalten. Als zwei der Kids schließlich während der Dreharbeiten in Untersuchungshaft gelandet sind, waren wir natürlich sofort auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Wir wussten, mit wem wir es zu tun hatten, aber als es dann soweit war, konnten wir es kaum glauben, dass diese Kinder tatsächlich im Gefängnis landen.

Interviewer: Was waren besonders schöne Momente in den 3 Jahren der Produktion?

Arman T. Rihai: Die schönsten Momente für mich als Regisseur waren jene, in denen ich von den Jugendlichen Bestätigung bekommen habe für die Arbeit, die wir mit diesem Film vollbracht haben und das Interesse, das sie aufgebaut hat. Aber auch Momente, in denen ich gespürt habe, dass sich die Jugendlichen verstanden gefühlt haben. Oder wenn sich Eltern und Jugendliche ein Stückchen näher gerückt sind, dadurch, dass wir diesen Film gemacht haben. Das war natürlich nicht immer so, also waren auch viele schmerzliche Momente darunter, wenn wir bemerkt haben, dass unser Film nicht Berge versetzen kann. Beim ersten Screening mit den Jugendlichen haben wir von der Dragana, der Schwester von Stefan ein sehr schönes Kompliment zur universellen Bedeutung des Filmes bekommen. Und der bis dato schönste Moment war, nachdem die ersten Kritiken auf den Film gekommen sind und Schwarzkopf auf der orf.at-Seite gefeatured war. Da hat einer der Jugendlichen eine sehr berührende SMS geschrieben, in der er sich im Namen der Kids dafür bedankt hat, dass es nun diesen Film über sie gibt.

Interviewer: Was wolltest du mit diesem Film bewirken?

Arman T. Rihai: Ich wollte in erster Linie den Jugendlichen eine Plattform geben und ihnen das Gefühl geben, dass sich jemand für sie interessiert. Und natürlich war es mir sehr wichtig, hinter die Kulissen der täglichen Boulevard-Schlagzeilen zu blicken und die Jugendlichen, oder besser gesagt: die Kinder beziehungsweise die Geschichten dahinter endlich zu beleuchten. Warum begehen Jugendliche, die in diesem Alter meist eigentlich noch als Kinder zu bezeichnen sind, Körperverletzungen, Überfälle, Nötigungen? Woher kommt das, und was hat das mit ihrem migrantischen Hintergrund zu tun? Was sind ihre Wünsche, ihre Träume, ihre Hoffnungen? Der Film stellt die Protagonisten dar, wie sie sind: und zwar zu aller erst als Menschen mit sehr universellen Wünschen nach Geborgenheit und Anerkennung.

Interviewer: Der Film ist sehr ästhetisch gestaltet. Ist das dein Stil oder hat das Thema diesen Stil verlangt?

Arman T. Rihai: Es war mir klar, dass sich das Zielpublikum – die Jugendlichen selbst – nicht in einen klassischen Dokumentarfilm setzen würden. Wenn diese Kids im UCI Kino stehen und sie sehen auf der einen Seite Hollywood-Unterhaltung, auf der anderen Seite eine österreichische Doku, dann ist die Entscheidung klar. Und ich wollte ja auch kein Dokutainment machen, schließlich handelt es sich um einen Kinofilm. Film ist für mich immer auch visuelle Unterhaltung, und die sollte auch dem Inhalt nicht nachstehen. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wollte ich das Maximum rausholen. Ich wollte durch die Bildsprache der Jugendlichen und des Rap-Genres eine Verbindung zu meinem Publikum schaffen und ich denke dass das eine wichtige Entscheidung war, um den Jugendlichen zu zeigen, dass sich dieser Film ernsthaft mit ihrer Szene auseinandersetzt. Um von ihnen ernstgenommen zu werden als Film, war mir klar, dass ich mich auch mit ihnen ästhetisch so unterhalten musste, dass es für sie „verständlich“ ist.

Interviewer: Wie würdest du die Tatsache erklären, dass außer den Müttern dieser Kids fast keine anderen Frauen vorkommen?

Arman T. Rihai: Es ist einfach ein Film über eine sehr männliche Szene in der einfach nicht sehr viele Frauen außer bei den Fans vorkommen und das habe ich im Film dargestellt. Hier eine Frauenquote zu forcieren, wäre einfach nicht authentisch gewesen. Man darf auch nicht vergessen dass Mädchen, insbesondere in diesem Alter, verglichen mit den Burschen braver sind und sehr selten in Parks herum hängen und andere berauben oder niederschlagen und mit Drogen dealen. Sie tragen ihre Konflikte oft anders aus. Zudem wollte Nazar beispielsweise seine Privatsphäre bewahren und seine Freundin, die er im Laufe der Dreharbeiten über die letzten drei Jahre kennengelernt hatte, nicht in den Film involvieren, und diesen Wunsch haben wir selbstverständlich respektiert.

Interviewer: Was siehst du als die Hauptursachen für das Dilemma dieser Migrantengeneration?

Arman T. Rihai: Den Jugendlichen fehlt in erster Linie jemand, der ihnen zuhört. Sie haben das Gefühl, man würde sich sowieso nicht für sie interessieren, und im Rap sehen sie eine Möglichkeit, ihrem Unmut Luft zu verschaffen und Gleichgesinnte zu finden, die mit ihnen quasi solidarisieren können. Es fehlt das Verständnis der Gesellschaft für diese vernachlässigte Generation, aber auch Verständnis der Eltern, die oft aus einer ganz anderen Kultur stammen und keine Ahnung davon haben, was in ihren Kindern vorgeht. Talente liegen brach, und ich rede jetzt nicht vom klassischen schulischen Talent. Talent ist vielseitig, und diese Jugendlichen werden in ihren Texten zu Poeten, die sehr feinfühlig von ihrem Leben erzählen. Mit ihren Songs wollen sie sich Gehör verschaffen, und wenn ihnen dieses Gehör von der Gesellschaft zugestanden wird, dann wird sich ihre Situation auch verändern.

Interviewer: Wo müsste man ansetzen um da etwas ändern zu können?

Arman T. Rihai: Ich denke dass die Institutionen viel enger mit den Eltern der Jugendlichen zusammenarbeiten sollten, den Eltern klar machen müssten, wie wichtig es ist, sich ernsthaft mit den Kindern auseinanderzusetzen. Es gibt einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, der vor allem für Menschen der ersten Generation mit Migrationshintergrund, die aus anderen Kulturen kommen, schwierig zu verstehen ist: die Jugendlichen wachsen unter komplexen Umständen auf, die mit ihren Wertevorstellungen nicht vereinbar sind, nicht verständlich sind. Die Wertevorstellungen der ersten Generation greifen nicht mehr, vor allem nicht wenn auch noch Migration ins Spiel kommt. Das ist ein schwieriger Prozess und es ist meiner Meinung nach wichtig, zurück zum Wesentlichen zu kommen: Was will mein Kind? Was kann man Kind? Und wie kann ich es darin fördern, und herausfordern, ohne dass es sich umdreht und geht?

Interviewer: Was sind deine nächsten Projekte?

Arman T. Rihai: Mein nächstes Projekt heisst „Neue Wiener“ und ist eine 12-teilige Fiction-Serie, die ab Herbst auf Puls4 laufen wird. Das wird die erste vom Privatfernsehen produzierte fiktive Fernsehserie in Österreich. Sie handelt von der „unsichtbaren“ zweiten Generation, die sich als Wiener sehen aber auf ihre zweite Kultur stolz sind und kein Problem damit haben, sich als Teil der Gesellschaft zu sehen. Es ist eine Serie über die scheinbar „Integrierten“, und die Probleme und Kultur-Clashes, die entstehen und immer existieren, trotz oder obwohl man in der Gesellschaft angekommen ist. Ausserdem bereite ich mit meinem Bruder Arash T. Riahi die essayistische Kinodoku „Everyday Rebellion“ vor. In diesem Film geht es um moderne Formen des zivilen Ungehorsams und des alltäglichen Widerstandes in Diktaturen, gestützt durch neue Technologien. Fertigstellung ist 2012.